Der Naechste bitte
Uraufführung! Uraufführung! Uraufführung!
AKT, die Aktuelle Karlstadter Theaterbühne präsentiert

„Der Nächste bitte“

Ein brandaktuelles Theaterstück
von Johannes Weinfurter
Regie: Maria und Bob Emsden, Wolfgang Tröster

Deutschland 2010. Im Karussell der Krisen geht es gehörig rund. Auch der „Staatshaushalt der Seele“ meldet vielerorts Konkurs an. Aber in jeder Krise steckt auch eine Chance, wenn ... da nicht die Gier wäre, die mit Vorliebe Hirn verspeist. Sie ist unersättlich und geht, wenn es sein muss, auch über Leichen. Taschentücher darf man allerdings getrost stecken lassen.
Dieser Blick in den Abgrund ist aufgrund seiner bizarren Figuren und Szenerie weitgehend urkomisch.
Da ist der feine, unter Verfolgungswahn leidende Herr Direktor, Opfer der internationalen Bankenkrise, der aber mit Hilfe eines dubiosen, neuartigen Arzneimittels seine (Euro-) Schäfchen schnell wieder ins Trockene bringen möchte. Kann er nur das erforderliche ärztliche Gutachten einen befreundeten Arzt gewinnen? Dieser dürfte wohl nicht abgeneigt sein, zumal er sich sonst mühselig mit der „Maximierung“ von Lippen und Oberschenkeln „über Wasser halten“ muss. Und was passiert da alles hinter dem Vorhang, wenn Frau Direktor seine „Dienste“ in Anspruch nimmt?
Sie, die Muse des exzentrischen Künstlers Theodore Santi, steht kurz vor der Eröffnung ihres grandiosen Museums. Das ultimative Meisterwerk Santis - in der internationalen Kunstszene bombastisch angekündigt - hat allerdings die Schwelle zur embryonalen Phase noch nicht einmal überschritten.
Dieser Welt der Schönen und Reichen gegenübergestellt sind die Schattengestalten auf dem Abstellgleis der Gesellschaft. In Paul finden sie einen kämpferischen, selbstlosen Fürsprecher. Doch ist er wirklich der, der er vorgibt zu sein? Kann er das Herz der geheimnisvollen Irina, dem „Nummerngirl“ aus der Arztpraxis, gewinnen? Just in dieser Arztpraxis wittern die zwei blutjungen Arzthelferinnen - raffiniert, lebenshungrig und mit allen Wassern gewaschen - Ihre große Chance.

Freuen Sie sich auf ein Stück, das die Brisanz von Beziehungen in Zeiten des Zerfalls quer durch alle Gesellschaft veranschaulicht. Unsentimental, doch gleichwohl berührend, Spaßfaktor - all inclusive!

Darsteller
Paul Fischer
Irina
Theodor Santi, Modezar und Künstler
Bruce, Santis Assistent / Börsenexperte
Frau Direktor
Herr Direktor
Der Arzt
1. Arzthelferin
2. Arzthelferin
Reporterin
Psychologin
Mauz, multifunktionaler Rentner
Müller, multifunktionaler Rentner
Elisabeth, eine Obdachlose
Thorsten Krafft
Sophie Inderwies
Thomas Trummer
Philipp Sommer
Maria Emsden
Matthias Frädrich
Kurt Hagedorn
Debora Herzog
Christine Grundig
Birgit Fröhlich
Eva Maselli
Wolfgang Tröster
Bob Emsden
Christa Messner

Mitwirkende hinter und vor der Bühne
Maske / Frisuren
Bühnenbild / Aufbauten
Technik, Licht, Ton
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Souffleuse
Kostüme
Requisiten / Inspizienz
Regie
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Angelika Nickel
Peter Gsell
Ralf Mahlo
Stefan Veeh
Johannes Hofer
Michael Lamprecht
Gudrun Buberl
Thomas Trummer
Christa Messner
Maria und Robert Emsden
Wolfgang Tröster
Fotos: Gerd Nickel
MAIN-POST
  Ausgabe Karlstadt
  vom Montag, den 11. Oktober 2010

von Günter Roth
AKT-Uraufführung: Von Blendern und Scheinfiguren
AKT zeigt Uraufführung des bewegenden Stücks „Der Nächste, bitte!“

Mit der Uraufführung des bewegenden Stücks „Der Nächste, bitte!“ setzt die Aktuelle Karlstadter Theaterbühne (AKT) einmal mehr Akzente und gibt Stoff zur gedanklichen Auseinandersetzung.

Es war einer der größten Kraftakte, den die Truppe um Maria und Bob Emsden sowie Wolfgang Tröster je auf der Bühne zu stemmen hatte. Trotz der Kürzung durch das Regisseur-Trio forderte allein schon die Spieldauer von fast drei Stunden alles von dem hoch engagierten Ensemble. Aber auch das Publikum war in dieser Zeit gefordert von den häufigen Szenenwechseln, die scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht, erst am Ende rückblickend einen roten Faden erkennen ließen.

„Wo bleibe ich bei diesem verrückten Spiel?“ - In einem kurzen Augenblick der Suche nach Erkenntnis blickt der Modezar und Künstler Theodor Santi (herrlich narzisstisch umgesetzt von Thomas Trummer), der tatsächlichen Leere und Bedeutungslosigkeit seines Lebens ins Auge. Dann aber ist er schnell wieder Teil des Treibens - ein „gottverdammter Blender“, in dem jeder jeden belügt - und letztlich auch sich selbst. Ebenso verzweifelt wie vergebens sucht die Nymphomanin (Maria Emsden ausdrucksstark und facettenreich) Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Stattdessen findet sie nur schnellen Sex, schleimige Speichellecker und Botox-Spritzen. Dass sie völlig namenlos nur als „Frau Direktor“ betitelt wird, spricht Bände.

Hin- und hergerissen zwischen tiefster Depression und Hybris, unfähig zu einer echten menschlichen Bindung ist Matthias Frädrich als „Herr Direktor“. Gescheitert in der jüngsten Finanzkrise, vermarktet er jetzt skrupellos das Wundermittel, das Geschenk der Pharmakunst „@genius“. Dass @genius Probleme nur bemäntelt und nicht löst, wird schnell klar. Neben diesen scheinbaren Lichtgestalten gibt es den Abschaum: Verbitterte und teilweise debile Alte, denen nicht mehr geblieben ist, als sich in der Arztpraxis am Nummerngirl aufzugeilen, Obdachlose, als Ersatzteillager missbraucht, und Irina aus Osteuropa, die sich wegen ihrer kranken Zwillingsschwester selbst verkaufen muss.

Auf der hoffnungslosen Suche nach dem Glück mit Sex in Dubai oder in der Karibik sind auch die jungen Arzthelferinnen. Sie alle können sich @genius nicht leisten und sind daher umso dankbarer für den „rettenden Engel“, den jungen Arzt Paul Fischer, der sich kämpferisch und selbstlos für die Benachteiligten einsetzt und vor allem die Dinge schonungslos beim Namen nennt.

Doch „Der Nächste, bitte!“ ist eine Farce. Wenn schon die Protagonisten Blender und Scheinfiguren sind, dann ist es auch die Handlung selbst. Nichts ist so, wie es scheint. Die Perspektive wechselt ständig, irritiert oft den Zuschauer und zum Schluss erinnert alles etwas an Dürrenmatts „Physiker“. Jedenfalls erhält beim Show-down der Titel eine völlig unerwartete Dimension. . .

„Der Nächste, bitte!“ ist schwer verdauliche Kost, sie wird aber schließlich von „AKT“ zubereitet und serviert. Von der Gruppe ist man derartiges hinreichend gewöhnt. Wenn sich jemand an solche Stoffe heranwagen kann, dann dieses leidenschaftliche Ensemble.

Neben dem bewährten Kreis mit Thorsten Krafft, Kurt Hagedorn, Birgit Fröhlich, Eva Maselli und Christa Messner gibt es noch in den beiden Arzthelferinnen Debora Herzog und Christine Grundig interessante und ausbaufähige Neulinge. Philipp Sommer gibt ebenfalls eine gute facettenreiche Vorstellung und Sophie Inderwies entwickelt sich vom anfangs blutleeren Nummerngirl zu einer ausdrucksstarken Figur.